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„Werden Hirsche jetzt zur Chefsache?“

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Wie jeder weiß, lese ich gern das Landwirtschaftliche Wochenblatt Westfalen- Lippe. Die recherchieren gut und berichten ausgewogen. Aber dann hat man manchmal schon mal den Eindruck, die lassen den einen oder anderen bewusst auflaufen. D. h., sie veröffentlichen ungerührt auch noch den größten Duffsinn, nach dem Motto: Vielleicht belebt´s ja die öffentliche Debatte. In der letzten Ausgabe jedenfalls (38/ 2015) bringen die auf Seite 43 einen Beitrag mit dem sinnigen Titel: „Werden Hirsche jetzt zur Chefsache?“

Dann haut es einen manchmal schon um, wenn man sieht bzw. liest, was da so den Reportern als Fachwissen in die Feder diktiert wird. Wirklich. Obwohl: Mit der Zeit stumpft man auch ab. Ich weiß nicht, ob Sie das auch kennen, dieses hilflos- überraschte kurz den Mund aufmachen, überlegen und ihn dann resigniert wieder schließen. Man hat das Gefühl, gegen ein solches Gebirge an Ahnungslosigkeit oder auch Dreistigkeit nicht ankommen zu können.

Wie hier in diesem Artikel: Da zoffen sich bei Paderborn offensichtlich Bauern und Staatsförster mit einem Jagdpächter um den Rotwildabschuss. Den Landwirten wird zu wenig geschossen, den Förstern sowieso. Der Pächter wiederum scheint das anders zu sehen. Und deswegen gibt´s also Streit. Das scheint schon länger zu gehen, ist zu vermuten: Wenn Herr Remmel seinen Terminkalender vergewaltigt, um als Retter der Situation zum Ort des Geschehens zu wallfahren, kann das nur damit erklärt werden, dass er glaubt, das Ganze gibt publizistisch was her. Was da jetzt wirklich abgeht, wer Recht hat oder nicht, weiß ich nicht. Trotzdem, es ist immer wieder aufschlussreich, obwohl jedesmal ein Déjà vu. Steigen wir ein:

Zunächst mal die Formulierung: „Umweltminister Remmel besuchte am vergangenen Donnerstag mit weiteren Experten das Revier in Kleinenberg, …“

Also, das soll ja wohl ungemein geschickt implizieren, Herr Remmel sei Experte in Sachen Jagd, Forst und Wildbewirtschaftung. Herr Remmel…. Ich finde, das ist schon mal ein gelungener satirischer Auftakt.

Aber es geht weiter:

In manchen Teilen des Forstes wurden an bis zu 5 % der Bäume frische Schälschäden festgestellt. „Viel zu viel“, wie Ulrich Heiß, zuständig für die Jagdstrategie des Landesbetriebs Wald und Holz, erklärte. „Denn wenn in jedem neuen Jahr weitere 5 % der Bäume geschält werden, sind die Wälder nach 20 Jahren komplett zerstört. Deswegen sei der Rotwildbestand so rasch wie möglich zu senken, so dass an weniger als 1 % der Bäume frische Schälschäden verursacht werden, so die Ziele des Landesbetriebs Wald und Holz.“

Whow. Jetzt wird´s heiß. Ich frage mich: Kann man jemandem eigentlich rückwirkend die Mittlere Reife aberkennen? Herr Heiß wäre unbedingt Aspirant. Denn Mathematik muss er 9 Jahre lang systematisch abgewählt haben; spätestens bei der Prozentrechnung jedenfalls hat er wohl endgültig die Segel gestrichen. Aber das nur am Rande.

Denn viel wichtiger ist: Jetzt haben wir´s schwarz auf weiß, sozusagen mit Unterschrift des Herrn Remmel. Rotwild soll also nicht reduziert, sondern ausgerottet werden. Das unterstellen einige Jäger der Forstseite ja schon lange, ebenso lange wird das aber lebhaft bestritten. Bis jetzt jedenfalls. Aber anscheinend wird gerade die Strategie geändert, jetzt wird zugegeben, wenn auch nur indirekt.

Denn wer als forstwirtschaftliches Ziel eine Reduzierung von Wildschäden auf unter 1 % anstrebt, hat entweder gar nichts kapiert oder will, und das glaube ich, das Rotwild ausrotten. Jeder Wildbiologe tippt sich bei einem solchen Stuss an die Stirn. Da, wo Wild ist, gibt´s Verbiss. Punkt. Das machen die Viecher nun mal, das haben die auf den Chromosomen, das ist so, wie wir manchmal auch Süßigkeiten naschen. Eine andere Frage ist die Intensität des Wildverbisses. Da kann man dann schon mal sagen, dass es zuviel ist. Und wenn das dann so ist, muss man eben mehr schießen. Aber vorher sollte man auch mal sagen, auf welcher Grundlage man seine Zahlen ermittelt. Das aber wird, wohl aus gutem Grund, zumindest bei den Staatsförstern ängstlich geheim gehalten. Statistiker z. B. fordern grundsätzlich eine absolute Bezugsgröße, um aussagekräftige Rückschlüsse ziehen zu können. Es wird aber immer mit Prozentzahlen getrickst. Und genauso wird´s wohl auch hier sein.

Ich hätte eine Idee: Wir legen als Messlatte für tolerierbare Wildschäden die belegten Verbiss- und Schälschäden der Wisente auf dem Rothaarkamm an. Ich meine, bei denen sind Herr Remmel und sein Ministerium, NABU und BUND ja der Meinung, dass die Waldbauern ringsherum sich gefälligst nicht so kleinkariert anstellen sollen.

Dann allerdings hätten sich die vielbeschäftigten Experten und Herr Remmel den Ausflug nach Kleinenberg sparen können. Dann könnten die Rothirsche nämlich erstmal noch jahrelang sozusagen Marathon schälen…..

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Kirchveischede, 21. September 2015

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Manfred Nolting

Ein Jagdmensch

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Als hätte ich´s bestellt: Hier ein Artikel zum Thema „Wildschäden Wisente“ aus der hiesigen Tagespresse von heute, 22. September. Den Tintenklecks bitte ich zu entschuldigen: Mir ist beim Grinsen der Füller hingefallen….

15-09-22_Wisente

Und um das klar zu machen:  Ich habe nichts gegen Wisente, im Gegenteil, das sind tolle und beeindruckende Tiere, und ich habe aus dem Grunde auch nichts gegen Wölfe. Ich habe nur was gegen dieses Pharisäertum, dieses scheinheilige mit zweierlei Maß messen und, vor allem, reagiere ich allergisch, wenn ich merke, dass manche Leute meinen, alle anderen seien dämlich.

Kirchveischede, 22. September 2015

Manfred Nolting

Ein Jagdmensch