Tönnies, der Rassist

 

Die „Westfälische Rundschau“ (WR) v. 10. Aug. 2019, „Ein Vereinspatron im Wirbelsturm“

 

 

Da ist was los die letzten Tage: Tönnies, der Rassist. Man ist bass erstaunt. Die ersten Tage habe ich gedacht, ein Scherz. Aber nein, es schaukelt sich hoch wie der unmittelbar bevorstehende Klima- Tod. Ich habe also die aufgeregten Berichte über Tönnies´ selten dämlichen Spruch verfolgt. Ich vermeide es, wenn möglich, mich über jemanden zu äußern, den ich persönlich nicht kenne. Denn einen Eindruck vom Charakter des Gegenstands der Betrachtung kann man über Dritte, über Presse, Funk und Fernsehen nur schwer bekommen.

 

Weil das ganze aufgeregte Theater aber kein Ende nehmen wollte, habe ich mir also die Mühe gemacht zu recherchieren. Das Bild, das ich bekommen habe, stellt sich so dar: Ein Macher und offensichtlich guter Unternehmer. Ein Polterer mit klarer Ansprache (was einem nicht nur Freunde einbringt, aber denen, die das abkönnen, das Gefühl gibt, bei dem bist Du gut aufgehoben). Auf keinen Fall ein Rassist, sondern eben nur ein Polterer, und denen rutscht schon mal was Dämliches raus. Und mit einer wirklich echten Liebe zu Schalke 04. (Was ich als gebürtiger Dortmunder als einziges Kriterium nun gar nicht verstehe, wo´s doch ein paar Kilometer weiter östlich einen Verein gibt, der wirklich Fußball spielen kann.)  1)

 

Weiter: Der Mann hat sich glaubhaft entschuldigt, sein Blödsinn tut ihm offensichtlich wirklich leid. Gut. Man sollte daher das anscheinend als gesellschaftliche Pflicht empfundene scheinheilige und vor allem gnadenlose Getue langsam einstellen. Das erfolgt sowieso nur nach dem Motto: Je eifriger und lauter ich mich empöre und protestiere, desto mehr lenke ich andere, vor allem mich selbst von meinem eigenen alltäglichen Rassismus im Kleinen, dem persönlichen Klischee – Teufelchen, den Denkschablonen im Kopf ab. Und die gibt´s nicht nur hier. Ein guter Freund und Studienkollege, gebürtig aus Nigeria, deutscher als Bismarck und preußischer als der alte Fritz, schwarz wie die Nacht, hat uns damals mal Einblick in die Witzkultur der schwarzafrikanischen Gesellschaft gegeben. Der Begriff „Weißarsch“ für die nicht Maximalpigmentierten ist da noch eine der harmloseren Bezeichnungen. Wobei die das wirklich nicht gehässig meinen, wie George beteuert. Wir haben´s ihm mal geglaubt.

 

Eines jedenfalls muss man ganz nüchtern als Fakt, als Tatsache konstatieren, auch wenn es in der Szene der als pflichtschuldig empfundenen Empörung völlig untergeht, nämlich dass gerade Afrika der Kontinent ist, der bevölkerungsmäßig geradezu explodiert. Nur bei der Ursache irrt Clemens Tönnies. Das liegt nicht etwa daran, dass die da zu wenig fernsehen oder nicht genug im Internet surfen. Denn wenn man, was heute ja offenbar gängiges Allotria ist, sich permanent und ad libitum verfügbare Pornosender reinzieht, geht das auch leicht nach hinten los. Will sagen: Erst Porno, dann angeheizt in die Kiste. Das wäre ja nun wirklich kontraproduktiv.

 

Nein, die Crux ist, dass das Erziehungswesen, die schulische Bildung und Allgemeinbildung da noch eine Katastrophe ist. Und dass dazu noch ausgerechnet Mädchen und Frauen aufgrund des traditionellen Geschlechterverständnisses bildungsmäßig nach wie vor massiv benachteiligt sind. 2) Wobei alle empirischen Daten belegen: Da, wo Mädchen und jungen Frauen eine gute Schulausbildung ermöglicht wird, damit der Zugang zu Wissen, sinkt schlagartig die Geburtenrate. Nur da. Die Ausbildung der Kerle hat, auch das ist zu 100 % empirisch belegt, null Einfluss. Und das ist kein Klischee. Leider.

 

Kommen wir zurück zu Clemens Tönnies. Man sollte aufhören mit dem Tönnies- Prügeln. Im Ernst: Da gibt´s wirkliche Rassisten, die man auf´s Korn nehmen kann, Tönnies gehört bestimmt nicht dazu. Wenn wir die damit eingesparten Energien darauf verwenden würden, etwas für die Verbesserung des Schulwesens in Afrika zu tun, vor allem für Mädchen und Frauen, in Pakistan, Afghanistan, Indien: Das wäre unbedingt zielführend im Sinne nicht nur der Demografie.

 

Der Hype um Clemens Tönnies´Verbrechen mit Sicherheit nicht. Darüber hinaus tut es ihm, nach allem was ich an Informationen habe, Unrecht. Man sollte die Kirche im Dorf lassen.

 

 

Kirchveischede, 10. August 2019

 

Manfred Nolting

Ein Jagdmensch

 

 

 

 

1) Jetzt bitte keine Hass- Tiraden, das war ´ne Stichelei unter Freunden auf Augenhöhe.

 

.2) Und bevor man darüber herablassend die Nase rümpft, sollte man mal 50, 60 Jahre zurückdenken, also sooo lange nicht her: Ich bin Jahrgang 1951 und hatte als Arbeiterkind das Glück, ein Gymnasium besuchen zu dürfen. Allgemeiner Konsens war damals der Spruch (1960-er Jahre, in Deutschland!): „Meine Tochter braucht kein Abitur oder Studium, rausgeworfenes Geld. Die wird ja doch demnächst weggeheiratet.“ Weg– geheiratet! Das alte Verständnis: Aus der väterlichen Munt entlassen, in die des Ehemanns übergeben.

 

 

 

 

1 Kommentar
  1. Titus von Unhold
    Titus von Unhold sagte:

    Nein, das zieht nicht. Und zwar aus mehren Gründen: Zum einen ist der Rassismusbegriff heute viel umfassender, als noch vor 20 Jahren. Die Definitionen der UN oder der EU bieten da einen guten Anhaltspunkt, denn sie umfassen jegliche (auch sprachliche) gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. Zum anderen ist der „flotte Spruch“ kein flotter Spruch, sondern das Ergebnis einer rassistischen und diskriminierenden Gedankenwelt. Und zum dritten war das gar keine Spontanäußerung, sondern eine geschriebene und redigierte Rede – also geplant.

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